Bericht: Exkursion Bad Wimpfen - Tilly, ein evangelischer Beichtstuhl und die sogenannte "Judensau"

am 09.07.2022 (Autor: Wolfgang Stejskal)

Südlich der Reichsstadt Wimpfen standen sich am 6.Mai 1622 das protestantische Heer des Markgrafen Georg Friedrich von Baden und das Heer der katholischen Liga unter Johann Tserclaes Graf von Tilly gegenüber in einer der ersten großen Schlachten des Dreißigjährigen Krieges. Diesen 400. Jahrestag hatten die Freunde Sinsheimer Geschichte zum Anlass für ihren Ausflug genommen. Im Reichsstädtischen Museum gab Herr Günther Haberhauer einen Einblick in die Geschehnisse um dieses Ereignis, wobei er deutlich machte, dass die Reduzierung dieses langen Konfliktes auf eine Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten viel zu kurz greift. Da standen Reichsfürsten gegen den habsburgischen Kaiser, mischten Schweden, Dänen, Franzosen und Spanier mit, ging es um Macht und Einfluss im Deutschen Reich, aber auch in der Ostsee, in den Niederlanden, in Norditalien. Am Ende brachte dieser Krieg nur Tod und Verwüstung und unendliches Leid für die Menschen im Reich.

Nach dieser hochinteressanten Geschichtsstunde konnten die Teilnehmer beim Mittagessen im Kräuterweible die Informationen und Eindrücke aus dem Museum verarbeiten, wobei die Gedanken an den Krieg in der Ukraine auch eine Rolle spielten.

Vorbei an den Gebäuden der staufischen Kaiserpfalz ging es hinunter ins Tal zur ehemaligen Ritterstiftskirche St. Peter, die so genannte wurde, da die Mitglieder der Klostergemeinschaft sich aus verschiedenen Adelsgeschlechtern zusammensetzten. Hinter dem romanischen Westwerk der Kirche beeindruckte der gotische Innenraum, der ab 1269 begonnen wurde und den romanischen Zentralbau ersetzte. Trotz vielfältiger Renovierungsmaßnahmen zeigt die Kirche eine große Anzahl bautechnischer Details und Kunstgegenstände, Skulpturen im Chor, das Chorgestühl, das Sakramentshäuschen, der tubablasende Engel von 1275. Beeindruckt stand man vor dem Südportal, das in seinem Aufbau und Figurenschmuck an ähnliche Kunstwerke der Straßburger Bildhauerschule erinnert.

Nicht weit davon wurde man mit einem dunklen Kapitel der christlichen Welt konfrontiert, der Darstellung einer sogenannten Judensau, der Darstellung von Juden, die an den Zitzen eines Schweins saugen, Ausdruck eines jahrhundertelangen christlichen Antisemitismus. In den vergangenen Wochen war nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs verstärkt über diese Darstellungen, von welchen es etwa 50 an Kirchen in Deutschland gibt, berichtet worden, nun konnten die Geschichtsfreunde sich selbst ein Bild solch einer Darstellung machen. So gab es beim Rückweg hinauf zur Stadtkirche viel Gesprächsstoff, was die jüdisch-christliche Tradition in unserem Land angeht, wieso der hässliche Antisemitismus wieder sein Haupt erheben kann.

Noch einmal Gotik, so war es dann in der Stadtkirche zu sehen und man staunte über die herrliche Hallenkirche, die mit ihren Altären und Marienfiguren so gar nicht in die Vorstellung einer protestantischen Kirche passt. Aber als 1525 die Reformation nach Wimpfen kam, waren die Prediger nicht kurpfälzische Calvinisten, sondern Lutheraner, die die meisten katholischen Sakralgegenstände nicht entfernten. Am meisten erstaunte ein Beichtstuhl aus dem 17. Jahrhundert, der belegt, dass auch in evangelischen Kirchen die Ohrenbeichte noch bis ins 19. Jahrhundert vor dem Abendmahl üblich war.

So fuhr die Gruppe nach einem abschließenden Kaffeehausbesuch voller bereichernder Informationen und Einsichten mit dem Zug wieder zurück nach Sinsheim, wurde neugierig gemacht auf die nächste Exkursion des Vereins, den Besuch der Ausstellung „Die Habsburger im Mittelalter“ in Speyer am 22. Oktober.

 

Bericht: Führung Hoffenheim 

am 21.05.2022

Am Samstag 21.05.2022 besuchten die "Freunde Sinsheimer Geschichte" den "Heimatverein Hoffenheim". Unter fachkundiger Führung durch Hartmut Riehl erkundeten wir die geschichtsträchtigen Orte Hoffenheims. Danach folgte ein Besuch im Heimat- und im Schreibmaschinenmuseum. Abgerundet wurde der Tag mit einem gemütlichen Abschluss im Hof des Heimatmuseums bei Schmalzbrot und Getränken.

 

Bericht: Fachwerkführung Eppingen 

am 27.11.2021

In der Geschichte findet man den Begriff des Fachwerkbaus weit vor Christi bei römischen Architekten. Besonders in holzreichen Gegenden wurde die Technik des Fachwerks schon frühzeitig von den Handwerkern eingesetzt. Zum Bau der Häuser verwendete man das für neue Siedlungen oder für Ackerland gerodete Holz. Zunächst in Vollholzbauweise (Blockbau) und dann, nachdem die umliegenden Ressourcen an dicken Holzstämmen knapp wurden, erfand man eine Art Holzskelett, dessen Löcher (Gefache) mit anderen Baumaterialien gefüllt wurden.

 

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Mit ca. 90 zum Teil sehr gut erhaltenen Fachwerkhäusern verfügt die Stadt Eppingen über eine stattliche Anzahl dieser geschichtsträchtigen Bauten aus vergangener Zeit. Fachwerkbunt schmiegen sie sich aneinander und faszinieren den Betrachter mit ihren Farben, Schnitzereien und der Bauweise.

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Ein „Fachmann für Fachwerk“, Christoph Waidler, aktives Mitglied der Heimatfreunde Eppingen e.V., führte uns in die Welt des Fachwerksbaus der Stadt Eppingen optimal ein. Wir lernten viele Details und Geschichten rund um die Kunst des Fachwerkbaus.

Kurz vor dem 3. Lockdown Ende November 2021 hatten wir die Möglichkeit eine Fachwerkführung trotz etwas schwieriger Witterunsgbedingungen zu realisieren. 

Wir konnten auch das sogenannte Bäckerhaus in Eppingen bewundern, welches als das älteste bisher bekannte Fachwerkhaus im Kraichgau gilt, es wurde vor mehr als 600 Jahre gebaut und ist ein beeindruckendes Beispiel für die Kunst des Fachwerkbaus in Mitteleuropa.

Die Fachwerkführung mit Herrn Waidler war so interessant, dass wir beschlossen haben, denselben Ausflug auch nochmal im Spätsommer 2022 anzubieten (11.09.2022).

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Bericht: Ausflug nach Speyer

13.11.21 - An den Quellen des Judentums In Mitteleuropa

Am 13.11.2021 machten sich die Mitglieder des Vereins der Freunde Sinsheimer Geschichte und des Bündnisses für Toleranz auf den Weg nach Speyer, in eine der drei sogenannten SchUM Städte - die drei Rhein-Städte Speyer, Worms und Mainz, deren hebräische Namen, bzw. deren Anfangsbuchstaben den Begriff „SchUm“ bilden und als Städte erster Zeugnisse des Judentums in Mitteleuropa in diesem Jahr ins Weltkulturerbe aufgenommen wurden.

Die Exkursion sollte auch ein Beitrag beider Sinsheimer Vereine zum Gedenken an die Reichspogromnacht, am 9. November sein. Nach einer 45-minütigen Zugfahrt, auf der die 20 Teilnehmer schon im Vorfeld über die Exkursion informiert wurden, kamen die Teilnehmer gegen 10:30 Uhr im sogenannten Judenhof an. Unter sachkundiger Führung konnten die drei Elemente einer jüdischen Gemeinde besichtigt werden, der Friedhof, das Ritualbad (Mikwe) und die Synagoge.

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Danach konnten die Teilnehmer der Exkursionsgruppe die Reste der ehemaligen Männer- und Frauensynagoge besichtigen. Innerhalb dieser imposanten Zeugnisse jüdischen Lebens in Speyer wurden die Besucher von der exzellenten Führerin Cornelia Benz (Vorsitzende der Interessensgemeinschaft der Gästeführer Speyer IGS) über die 1700-jährige Geschichte der Juden in Deutschland informiert. Denn schon vor der Völkerwanderung sind Juden mit den römischen Legionen nach Germanien gekommen, so auch an den Rhein, und blieben danach in den von den Römern geründeten Städten des Rheins. Sie hatten einen großen Anteil daran, das antike Erbe in die Zeit des Mittelalters in Deutschland hinüberzuretten.

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Die Bedeutung von Speyer kann man nicht hoch genug einordnen, der Judenhof ist ein Denkmal des Wissens und jüdischer Gelehrsamkeit im Mittelalter. Themen wie Rechtsprechung, Familienrecht, Erbschaftsrecht, ein Scheidungsrecht, das den Mann zum Beispiel nicht bevorzugt, wurden durch Überlieferungen, Kommentare des Talmuds unter jüdischen Gelehrten gelebt und durch das Mittelalter als „Frühaufklärung“ getragen.

Die Ausflugsgruppe erfuhr bei der Führung, das bereits beim Aufruf zum ersten Kreuzzug 1095, Pogrome gegen die Juden ausgelöst wurden – also vor mehr als 900 Jahren. Doch damals stellte sich der Bischof von Speyer zwischen die jüdische Gemeinschaft und den mordenden Pöbel und erklärte sich selbst als Schutzherr der Juden. Als die Verantwortung für die Stadt an den Rat übergeben wurde, wurden die Juden aus der Stadt vertrieben und mussten auf dem Lande eine kärgliche Existenz fristen.

Die Besucher wurden ebenfalls über die Pestpogrome des 14. Jh. informiert, welchen auch hunderte von Juden in Speyer zum Opfer fielen. Diese grässlichen Pogrome wurden gegen das Expertenwissen, gegen die jüdisch-aschkenasischen Wissens-Kultur gerichtet und gegen die „ketzerische“ Rechtsprechung eines „aufgeklärten“ gesellschaftlichen Zusammenlebens. Radikalisierte Ordensträger verurteilten den Talmud als Werk des Teufels und hetzten die einfache Bevölkerung auf. Verschwörungstheorien wie „Pestausbruch durch sogen. Brunnenvergiftungen von Juden“ wurden schon vor fast 1000 Jahren an Leichtgläubige verbreitet, um sie zu den Pogromen anzustacheln – eine erschreckende Konstante, welche ganz augenscheinlich die Zeit überlebt hat.

Erst unter der Herrschaft von Napoleon wurde den Juden im Code Civile das gleiche Bürgerrecht zugestanden und es entstand vor allem in den Rheinbundstaaten ein blühendes Jüdisches Leben.

In der Reichspogromnacht, am 9. November 1938 wurde die neue Synagoge, wie 1400 andere Synagogen und Betstuben in Deutschland, zerstört, die jüdischen Friedhöfe geschändet und die Deportation der jüdischen Mitbürger aus Speyer begann. Vom Brand der Synagoge gibt es auch eine Video-Aufzeichnung:

- Synagoge Speyer 1938 - YouTube. einfach klicken

Nur wenige Juden kehrten nach dem 2. Weltkrieg zurück. Erst im Oktober 1996 wurde in Speyer - insbesondere von zugezogenen Emigranten aus den GUS-Ländern - eine neue Jüdische Gemeinde Speyer e.V. gegründet. Die neue jüdische Gemeinde in Speyer führt so die fast tausendjährige Tradition des Judentums in dieser Stadt weiter.

Nach einem sehr guten Mittagsessen im Speyerer Ratskeller besuchte die gemischte Gruppe aus „Freunden Sinsheimer Geschichte" und "Bündnis für Toleranz“, die Gedenkkapelle von Edith Stein – eine deutsche Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft, welche später zum Christentum konvertierte und unter anderem im Dominikanischen St. Magdalenakloster in Speyer als Lehrerin arbeitete.

Edith Stein geriet als gläubige Katholikin, jüdischer Herkunft während des Nationalsozialismus stark unter Druck. Sie schrieb bereits kurz nach der Machtübernahme Hitlers einen Brief an den damaligen Papst Pius XI., mit der Bitte, öffentlich gegen die Judenverfolgung zu protestieren. Edith Stein erhielt nie eine direkte Antwort auf ihr Schreiben an den Papst. Nach der Pogromnacht 1938 musste sie von Köln nach Holland fliehen wo sie nach dem Überfall Nazideutschlands auf Holland 1941 von den Deutschen festgenommen wurde, zwangsdeportiert und im August 1942 in Ausschwitz ermordet.

1987 wurde Edith Stein von Papst Johannes Paul selig-, und 1998 heiliggesprochen – sie gilt seitdem als „Patronin von Europa“ und wird auch in christlichen Namenskalendern gewürdigt. Zum Gedenken an Edith Stein wurde eine Gedächtniskapelle im St. Magdalenakloster und ein kleines von Ordensschwestern geleitetes Museum eingerichtet.